Fluch der Technik – treue Begleiter. Zwischen medialem Overkill und Sozialkritik

von
Gwendolin Kremer


Wollte man das bisherige Werk des 1975 in Detmold geborenen und in Dresden an der Hochschule für Bildende Künste (HfBK) studierten jungen Künstlers Marc Floßmann zusammen fassen, müsste man neben den Styroporarbeiten seine Film Stills und Kugelschreiberzeichnungen nennen. Zentrales Sujet all seiner Arbeiten ist die ironische, ja zynische Reflexion medial generierter Bildwelten. In seinen Bildfindungen erscheint der Mensch gefangen zwischen ritualgewordenen Verrichtungen, von Floßmann selbst lakonisch in Cluster gefasst und mit Essen, Sport, Arbeit, Whg. oder gar Kind überschrieben. Hinter diesen 'Topoi' verbergen sich tiefergehende Fragen nach dem Wie, Wann und Wo des täglichen medialen Konsums oder auch der Frage nach Erwerbstätigkeit in einer globalisierten Welt. Diese Themen, die Floßmann künstlerisch umtreiben, spiegeln sich auch in seiner Materialwahl wider: Im Spannungsfeld von Kugelschreiber und industriell hergestelltem Schaumstoff erschließt sich seine Sicht auf die Gegenwart.
Styropor, eigentlich Polystyrol, ist ein um 1930 entwickelter Kunststoff, der in unterschiedlichsten Bereichen des Alltags zur Anwendung kommt. Auch Floßmann ist das Material wohl bekannt, in Bielefeld, wo er aufwächst, ist die Bielefelder Hohlträgerfabrik ansässig; Verpackungen aus Styropor werden hier in großem Umfang hergestellt.
Zu Studienzeiten an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste (HfBK) setzt dann die künstlerische Auseinandersetzung mit diesem Material ein. 1999 übernimmt Floßmann das Atelier seines Vorgängers Martin Eder auf der Pfotenhauerstraße, dem Bildhauerstandort der Kunsthochschule. Ein Stapel an Styroporplatten bleibt zurück. Der Grundstein für eine bislang über zehn Jahre andauernde Beschäftigung ist hiermit gelegt.
Rasch entwickelt Floßmann zwei unterschiedliche Herangehensweisen. Zum einen wird Styropor für ihn künstlerisches Medium, um Gegenstände des Alltags nachzubilden.

c II (2005) zeigt einen Kopierer in Originalgröße, der täuschend echt sein Vorbild auf einem x-beliebigen Büroflur auf der ganzen Welt imitiert. Schlicht und ganz in weiß präsentiert sich der technische Gebrauchsgegenstand dem Betrachter. Seine räumliche Reduziertheit ist auffallend, der Gedanke an seit der Renaissance idealisierte antike Skulpturen in klassischem weißem Marmor nicht von der Hand zu weisen. Diesen optischen Effekt unterstützt Floßmann, indem er die schon weißen Platten noch mit einem zusätzlichen weißen Anstrich versieht und die originäre Oberflächenstruktur des Styropors, die sich aus ein bis zwei Millimeter großen, zusammengebackenen Schaumkugeln ergibt, übermalt. Die Übermalung ist dezidiert keine Versiegelung, sodass sich beim genaueren Betrachten die eigentliche Materialität des Objekts sofort zu erkennen gibt. Die optische Täuschung, der wir hier dennoch für einen kurzen Moment aufsitzen, ist also Kalkül. Floßmann spielt mit unseren Erwartungen und bricht sie ironisch. Die mittels des Materials intendierte Überhöhung des per se alltäglichen Gegenstandes ist Teil einer vom Künstler geplanten Inszenierung. Dem Rezipienten bleibt nur die Wahl zwischen Belustigung und Irritation, ist die Assoziationskette weißer Gegenstand – Kopierer – antike Skulptur – Marmor – doch hausgemacht.
Neben Arbeiten wie c II (Kopierer) finden sich in dieser Werkgruppe weitere Objekte wie Styrobuster (2008) oder Turmuhr (2008) – Floßmanns Beitrag zu der seit der Antike virulenten Frage nach der künstlerischen Haltung zu Mimesis, Mimikry und Camouflage. In Dresden, wo Floßmann über zehn Jahre lebte und studierte, ist die Beschäftigung mit Fragen der Nachahmung oder Rekonstruktionen im Stadtbild seit der Zerstörung 1945 und verstärkt einsetzend nach 1990 ein stets aktuelles Thema, das die Geister scheidet. In diesem Kontext kann das von ihm gewählte Industriematerial Styropor auch als bewusste „Abgrenzung zur Dresdner Sandsteinkultur“ (Marc Floßmann) gelesen werden, die dann in erster Linie auch künstlerische Provokation ist.
Neben den akribisch nachgearbeiteten Gegenständen der den Menschen umgebenden Einrichtung, finden sich aber auch dazu gänzlich konträre Objekte innerhalb dieser Werkgruppe. Mittelalterlich anmutende Burgszenerien oder Kapellen ringt er den Platten ab.

Floßmann fasziniert das Vergängliche, das druckgraphische Werk des Italieners Giovanni Battista Piranesi inspiriert ihn. Vor allem die um 1745 bis 1750 entstandenen Radierungen, die Carceri, die architekturgewordene Monumentalität und Isolation zugleich zum Ausdruck bringen, regen ihn zu Zitaten an. So zeigt das Gemälde “Arbeitsamt nach Piranesi“ (2005), in Acryl auf Styropor, eine zeitgenössische Sicht auf die Kerker und Ruinen seiner Gegenwart. Der sozialkritische Ton, der ja sowohl im Titel als auch im Gemälde selbst anklingt, krönt das Logo der Arbeitsagentur, die 'Arbeitsamt'ruine, spricht Bände.
Und genau in diesem Kontext von Sozialkritik und Reflexion des medialen Overkills sind auch Floßmanns Kugelschreiberzeichnungen zu verorten. Seine Handzeichnungen in Kugelschreiber, im Format eines A4 Blatts, bestechen durch ihre klare Umrisslinie. Die gezielt gesetzte Linienführung verzichtet gänzlich auf Schraffuren und räumliche Effekte. Das Prinzip des concetto zeigt sich bei ihm im 'Primat der Linie'. Auf den ersten Blick werden banale – und gerade deshalb auch intime – Szenerien des Alltäglichen aufs Blatt gebracht.
Die Titel “Fluch der Technik und treue Begleiter“ der 2009 und 2010 entstandenen Werkgruppen paraphrasieren die Eintönigkeit bestimmter Handlungsabläufe, aber zeigen auch die Symbolhaftigkeit ritualisierter, bildgewordener Momentaufnahmen. So zieht sich durch viele der Blätter ein Narrativ. Dies sind Gegenstände wie der Handmixer, I-Phones, Laptops oder Turntables in der Serie Fluch der Technik, die als 'roter Faden' und narrative Klammer fungieren. In manchen Blättern mag man eine chronologische Abfolge der einzelnen Zeichnungen erkennen und vermutet gar eine 'Plot' ähnliche Syntax von Geschehnissen wie bei der Darstellung eines Internetcafés, dem sich verschiedene Screenshots anschließen und auf 'Facebook', 'Parship' oder 'ebay' verweisen.
Eine subtile Andeutung auf die Geiseln moderner Zivilisation meint man da herauszulesen, wenn Floßmanns Protagonist schlussendlich den Kopf zwischen dem Laptop vergräbt – ein 'Vogel Strauß' des 21. Jahrhunderts – sprichwörtlich gefangen im medialen Overkill.
So sind die Styroporarbeiten, Filmstills und Kugelschreiberzeichnungen zwar die zentralen Angelpunkte im bisherigen künstlerischen Schaffen Marc Floßmanns, doch sind diese Werkkomplexe nur vor dem Hintergrund seiner medialen Inszenierungen und Performances zu verstehen. Mediale Fürsorge (ab 2002), Optischer Verkehr (ab 2006) oder Urban Potentials (2006) spiegeln sein Interesse an Projekten wider, die sich zum einen im öffentlichen Raum abspielen und eine direkte Interaktion mit dem Betrachter intendieren, als auch das Interesse an gemeinsamen künstlerischen Aktionen mit Kollegen wie dem Bildhauer Christian Schönwälder, der Bühnenbildnerin Miriam Grimm oder Antje Guske, Thorsten Groetschel und anderen im Verband Optischer Verkehr.
Zwischen Zitat und Sampling (Film Stills), unmittelbar gemachter Erfahrung und bildgewordener Ableitung zeigt sich der Werkbegriff Marc Floßmanns als Suche nach authentischer Ausdrucksform im Zeitalter medialer Reproduktionstechnologien. Was Floßmann also seit Jahren in seinen Arbeiten zeigt, ist eine subtile Form persönlicher Feldforschung, an der er uns teilhaben lässt.



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Schnee von heute

von Friedrich Immanuel Hausen

Wer sich in grundlegenden Lebensfragen neu zu orientieren hat und auf der Suche ist nach unverstellter Wirklichkeit, in der er seine Entscheidungen verankern kann, wird auf das Phänomen einer Ambivalenz des Medialen stoßen. Medien eröffnen und beengen oder verstellen uns den Zugang zu Realität. Was unsere Wahrnehmung ermöglicht, begrenzt auch unseren Fokus, legt uns auf Teilwirklichkeiten fest. Die determinierte Relativität unserer Zugänge ist vielschichtig: Wir sehen nicht nur mit Augen, hören mit Ohren, sondern überdies ist ein großer Teil dessen, was wir für unser Wissen halten, vermittelt, durch gesellschaftliche Instanzen und ihre Ausdrucksmedien. Unser Wissen steht auf dem Fundament des Vertrauens in Teilgesellschaften und auf deren Zugang zu einer unmittelbareren Wirklichkeit wir vertrauen. Wie aber steht es mit unserer eigenen praktischen Erfahrung, ermöglicht sie uns nicht einen Blick hinter die Kulissen? In unserem Leben benutzen wir Werkzeuge, solche, die bereits unserem Körper angehören, überdies benutzen wir einfache oder komplexe technische Artefakte, um zu handeln. Wir benutzen Hände, Messer, Gabeln, um zu essen, benutzen Zahlen und andere normierte Symbole, um zu rechnen, Unsere Beine, Fahrräder, Flugzeuge, um uns fortzubewegen, Sprachzeichen, um uns zu verständigen etc. Es gibt kein Handeln ohne Beanspruchung vermittelnder Zeichen und Instrumente, keine unvermittelte praktische Wirklichkeit. Die Wirklichkeit, in der wir uns orientieren ist die Wirklichkeit unseres Handelns, eine Struktur medialer Vermittlungen.

Unsere Zeit scheint gekennzeichnet von einer unübersichtlichen, bisweilen monströs anmutenden Eigendynamik der Herausbildung neuer medialer Formen sowohl der Sprache als auch der Technik. Für jemanden, der heute aufwächst, ist das Erscheinungsbild der Welt so sehr von den Gestalten medialer Materialität eingekleidet und durch diese geformt, dass der Eindruck entstehen kann, der Mensch sei um der Technik willen da und letztlich nur noch ein Betreiber einer Maschinerie, die sich um ihrer eigenen Selbsterhaltung willen den Betreiber züchtet und erhält. „Mediale Fürsorge“ begreift sich als Bild des mehrdeutigen Dienstverhältnisses zwischen Mensch und Medium. Marc Floßmann, Begründer der medialen Fürsorge interessiert sich besonders für mediale Blüten von Tamagogchies bis hin zu Tanzrobotern. Die mediale Welt inspiriert ihn als Bote und Ermöglichung neuer Freiheiten und Freuden, aber auch als sinnparasitäres Wachstum.

Das Interesse an einer doppelten Wertigkeit des Medialen drückt sich auch in Floßmanns bevorzugter Material aus: Styropor besteht hauptsächlich aus Luft. Er repräsentiert Künstlichkeit in konzentrierter Form. Im Bau stellt Styropor die doppeldeutige Eigenschaft des Verbindens und Isolierens. Verschiedene Teile werden in einem mit einander verbunden, zugleich aber der eine Raum von dem anderen isoliert. Diese Doppelseitigkeit inspirierte Marc Floßmann dazu, Styropor als eine Bild des Mediums schlechthin zur Materialgrundlage verschiedenster Arbeiten zu machen. So vermitteln die vergrößerten, auf Styropor ausgeführten Drucke aus verschiedenen Jahrhunderten eben in die ferngerückten Zeiten ihrer Entstehung. Zwischen der Zeit Piranesis und uns liegt ein Graben, der durch Spuren in der Geschichtsschreibung, der Buchproduktion, die Vermittlung des Geschichtswissens in Radiosendungen, Fernsehsendungen, Internetplatformen etc. überbrückt wird. Das Medium dieser Überbrückung ist überwiegend unbelebt, letztlich völlig leer, wie Styropor. Wir sehen die Bilder, die eine Braunsche Röhre entwirft, oder ein moderner Flachbildschirm. Marc Floßmann malt auch auf Styropor und zwar häufig Filmsszenen. Das gemalte Bild hält einen Moment aus einem Filmstreifen fest, zieht diesen aus dem Kontext heraus, und gibt ihm eine andere Note. Die Filmszenen werden gleichsam durch schwarzen Strich und freie Fließstrukturen, die die stark verdünnte Farbe abgibt, aus der ursprünglichen ästhetischen Glätte in einen aggressiveren, Zerfall evozierenden Strukturkontext versetzt. Dabei isoliert das Styropor symbolisch von dem ursprünglichen Zusammenhang, verdeckt diesen und öffnet den Freiraum zu kreativer Aneignung. Der Film selbst, als Medium bewegter Bilder ist analog zu Styropor ein Verbindung zur Zeit der Filmaufnahme, ein indexikalisches Zeichen, echter Abdruck der Entstehungssituation des Films. Insbesondere auch bei dokumentarischen Werk ist der Film ein isolierendes Medium, insofern der Lichtkegel der bewegten Bilder einen selektiven und Interpretationsmöglichkeiten begrenzenden Fokus auf Gewesenes wirft. Der selektive Blick bedeutet eine Freiheit, sich in einem Ignorieren, Festhalten, Deuten und Verarbeiten der irritierenden Kraft eines untergründigen Wirkströmens gewesener Ereignissen zu entziehen. Anstelle der blinden Wirkung des Geschichtlichen tritt das Bild als gleichsam historische Behauptung, welche die Aufmerksamkeit auf einzelne Aspekte fokussiert, und damit scheinbar das Geschehen begreift und bändigt. In Floßmanns Styroporbildern ist die Ausschnitthaftigkeit des Verfestigten und Bewahrten noch einmal gesteigert, der mediale Abstand zur Wirklichkeit verstärkt: Es ist nicht der Ausschnitt aus einer Dokumentation, sondern eines Spielfilms, d.h. eines fiktiven Ereignisses, einer fiktiven Geschichte. Die filmische Erzählung ist im Grundgenommen ein kunstvoll zusammengesetzter Flickenteppich vorgespielter Ereignisse, die zusammen eine Wirkung wie einer wirklichen Handlung evozieren. Das Styroporbild repräsentiert einen isolierten Ausschnitt aus einem im Wesentlichen medialen Ereignis.

Styropor dient Marc Floßmann ihm aber nicht nur als Malgrundlage, sondern überdies baut er daraus verschiedenste Möbel. Das Medium Styropor ist warm, wie die Formen, die er für Schrank, Stuhl, Bank, Kopierer beansprucht, weich wirken. Der Inbegriff stofflicher Künstlichkeit und Substanzlosigkeit wird zum ansehnlichen Begleiter im Alltag, zu gestaltetem Wohnraum. Marc Floßmann gibt den Gegenständen aus Styropor oft einen freundlichen Charakter und lässt ihnen anthropomorphe Züge zukommen, wie vage angedeutete Köpfe oder Gliedmaßen. Wie Herrchen und Hund werden Mensch und Medium einander ähnlich.

Neben Möbeln erarbeitete er in den letzten Jahren vor allem auch architektonische Plastiken, vor allem von Burgruinen auf felsigen Sockeln. Die Bauten bleiben meist farblos, nur einige Details werden bemalt. Eine Welt aus Styropor – Eine Welt aus Luft - evoziert auch Vorstellungen aus der modernen Teilchenphysik, wonach ein verschwindend kleiner Prozentsatz der Materie wirklich fest und schwer ist, Vorstellungen einer Welt, in der weder Farben noch differenzierte Materialeigenschaften bestehen, sondern nur ein und dasselbe Element. Aber insbesondere die die Formenwelt der Floßmann`schen Wohnausstattung hat auch futuristische Züge. Die Styropormöbel mögen anmuten wie Teile von Raumschiffeinrichtungen. Styropor, der wirkt wie Schnee, mit der traumwandelnden Evokation einer Unvergänglichkeit. Ist dies das poetische Bild einer durchmedialisierten Zukunft? Warmer Schnee? Eis, das nicht taut? Floßmanns Blick in eine Zukunft weiteren medialen Wachstums scheint weder ängstlich noch bitter, sondern vielmehr derjenige eines humorvollen Beobachters und nicht ohne einen gewissen Optimismus, dass der Mensch auch in einer sich fortwährend wandelnden Umgebung seine vorübergehende Heimat finden wird.

In massivem Kontrast zu den Styroporarbeiten stehen Floßmanns Zeichnungen. Während er sich in jenen eher konzeptuellen Arbeiten einer Ergründung der Mehrdeutigkeit des Medialen widmet, drücken die Zeichnungen eher eine grundlegende Haltung gegenüber dem Leben und dem Menschen aus. In diesen entstehen in wenigen fließenden Linien flüchtige Figuren aus manchmal rissigen Linien, Figuren die oft von existentieller Grenzerfahrung gezeichnet scheinen. Sensible Geschöpfe im Werden und Vergehen. Viele Figuren wirken wie Kinder mit Greisengesichtern. Überhaupt ist ihr Alter sonderbar inkonkret, als wären in ihnen Gegenwart, Vergangenheit und ferne Zukunft einfach ineinander verwachsen. Im Greisen steckt noch das Kind, im Kind schon der Greis. Der handelnde, erfolgreiche Mensch mit seinen Ämtern und Verantwortungen erscheint in diesem Blick als bloße Oberfläche, hinter der sich ein unbeholfenes, und nur vage erahnbares Wesen befindet. Die kindliche Seite besitzt oft auch eine komische Note, ist es doch eine Seite am Menschen, der wir nicht mit Furcht und distanziertem Ernst begegnen. Der in den Zeichnungen ausgedrückte Blick auf das Leben ist nicht bitter, sondern eher warm und humorvoll, ein Effekt, der auch durch den leichten, spontanen Charakter der mit sensiblem Strich ausgeführten Arbeiten unterstützt wird.

Die Linien in Floßmanns Zeichnungen sind meist frei geführt, wie von Zufällen die den Figuren teils monströse Unförmigkeiten angedeihen lassen. Umrisse sind oft unfest und verlaufen im leeren Weiß. Es ist wie im wirklichen Leben, wo Charaktere, oft von gleichgültigen Zufällen geformt und deformiert wirken. Dabei haben die Bilder oft Schnappschusscharakter, wie Momentaufnahmen und halten Zwischenlagen in Bewegungen fest, oder auch kurzfristige Gesichtsausdrücke. Manche der Figuren drücken Angst aus, andere ein Erstaunen oder auch das Glück eines Augenblicks. Aber nicht nur die Figuren selbst scheinen im Flüchtigen erfasst, auch die umgebenden Interieurs, Landschaften oder Gärten verlieren ihre Konturen in porösen Linien oder im leeren Weiß. Auch die Umgebungen, die Welt selbst scheint unselbstverständlich, immer im Entstehen und Verschwinden. Die spärlichen vergehenden Linien vor dem raumgreifenden Weiß des Hintergrunds sind das Seltene, wie einsame Sterne in einem weiten Abendhimmel. Angesichts der narrativen Komik bekommen viele unter diesen Zeichnungen den Charakter poetischer Karikaturen, einer bildnerischen Lyrik von existentieller Komik. Der Humor zeigt am deutlichsten die versöhnliche Seite dieser Bilder und es scheint, als wäre dies Marc Floßmanns Vorschlag an uns: heiteren und staunenden Auges auch den schattigeren Seiten unseres Lebens zu begegnen.


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PIRANESI UND DAS ARBEITSAMT

von Lisa Werner-Art

erschienen in den DRESDNER NEUESTEN NACHRICHTEN am 25.1.2008

Derzeit präsentiert sich die von Stefan Franz Maier vertretene ART ACADEMY als gestalteter White Cube. Marc Floßmann ( geb 1975 in Detmold) der sich hier erstmals vorstellt ist in Dresden durchaus kein Unbekannter. In Erinnerung ist unter anderem seine "Mediale Fürsorge", ein Projekt das besonders durch das aus einer Krankenwagenflotte stammende Einsatzfahrzeug auffiel, welches besagten Schriftzug trug. Im Sommer 2002 stand es als Teil der Diplomausstellung im Hof der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Hier hat Floßmann, nach einem kurzen Ausflug in die Philosophie und Romanistik, zwischen 1997 und 2002 studiert, sowie sich anschließend als Meisterschüler von (...) Martin Honert vervollkommnet.
Die Erinnerung an dieses Projekt und besonders den Titel ist für die Annäherung an die aktuelle Ausstellung von Belang. Gleiches gilt für das spätere Projekt "Optischer Verkehr". Beide Bezeichnungen sind dem aktuellen Motto "Ereignisfläche" nah, und alle drei weisen auf Themen der modernen Medien und Wahrnehmung. Diese Orientierung erschließt sich in der Ausstellung durchaus erst auf den zweiten Blick, was je kein Fehler ist. Denn zunächst einmal sieht man sich geheimnisvollen, dem Verfall nahen Gebäuden gegenüber. Angesichts deren Struktur und Erscheinungsweise fühlt man sich an eine Adaption alter Kunst, etwa an die Werke Piranesis, erinnert. Wie die Darstellung ruinöser "Carceri" wirken die schwarz-graue Malerei auf Styropor sowie eine Plastik aus gleichem Material. Aber wieso weist das Arbeitsamtszeichen den Weg hinein? Ist die Vergangenheit Gegenwart, die Gegenwart schon mal da gewesen? Meint Floßmann einen Rückfall in die Vergangenheit ? Vielleicht ! Das Bild jedenfalls heißt tatsächlich "Arbeitsamt nach Piranesi" (2005)
Mittels Computer lassen sich ohne Schwierigkeiten verschiedene Zeitebenen abrufen sowie nebeneinander und übereinander schieben. Und dies tut Floßmann offensichtlich mit Vergnügen. Dann neben Piranesis alten Gemäuern hängen schwarz-weisse, malerisch adaptierte Filmstills ("Jesus", 2005, "Lebowski Still", 2007, ) sowie eine antik anmutende Reiterschar ("Reiter-Fehlermeldung"). Gerade Letztere verweist besonders darauf, dass der Künstler mit medialen Bildern hantiert. Denn auf dem großformatigen Wandobjekt prangt relativ gut sichtbar einer der Computerbefehle, die mitteilen, was zu tun ist, wenn ein beabsichtigter Schritt nicht funktioniert.
Zugleich scheint es so, als verweise Floßmann mit seinen auf verschiedenen Epochen anspielenden Fragmenten auf, darunter auch plastische Arbeiten, auf die Beschränktheit unserer Möglichkeiten die "ganze" Wirklichkeit zu erfassen.
So wird die Galerie zur "Ereignisfläche", die all diese Fragmente vereint und dem Besucher ein"Orientierungsangebot" macht. Angesichts der farblichen Beschränkung der Kunstwerke aus Schwarz und Weiß hat man zudem eine hochästhetische Präsentation, ein Ereignis, vor sich. Objekte und White Cube bilden auf Zeit ein Gesamtkunstwerk, das selbst die orangefarbenen, in einem Regalfach platzierten Einladungskarten als gewollten Farbakzent integriert. Gewiss muss sich zukünftig jedes der Werke -auch die kleinen, feinen Schwarz-Weiß-Zeichnungen - für sich in einer anderen Umgebung bewähren, so es verkauft wird. Als Ausstellung ist diese "Ereignisfläche" Marc Floßmanns jedenfalls sehenswert.


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Kunst der Dresdner Schule

( Auszug aus der Rede von Holger Birkholz in Erlenbach)


Marc Flossmann / H.G. Griese / Rebecca Raue / Cornelia Schleime / A.R. Penck

„Kunst der Dresdner Schule“ nennt die Art Academy ihre aktuelle Ausstellung hier im Erlengut. Dabei werden fünf künstlerische Positionen präsentiert, die zunächst einmal durch eine große Eigenständigkeit auffallen, und man muss sich fragen, worin sich dabei ihre Herkunft aus der Dresdner Schule ableiten lässt.
Bei den meisten dieser Künstlerinnen und Künstlern gibt es eine biografische Beziehung zu Dresden. Sie sind dort geboren, wie H.G. Griese und A.R. Penck, haben dort studiert, wie Cornelia Schleime, Griese und Marc Floßmann, oder wesentliche, sie in ihrer Entwicklung prägende Jahre verbracht. Jenseits dieser biografischen Herkunft kann man sich natürlich die Frage stellen, ob eine bestimmte künstlerische Haltung sie mit Ostdeutschland, insbesondere mit Dresden und der durch diese Stadt repräsentierten Kunstauffassung verbindet.
Da ist zum einen ein gewisses Gespür für Farben, dass auf den deutschen Expressionismus und die in Dresden 1905 gegründete Künstlergruppe „Die Brücke“ zurückgeht und dass an der Dresdner Kunsthochschule über so einflussreiche Lehrer wie Oskar Kokoschka, Otto Dix und zuletzt bestimmt auch Siegfried Klotz gepflegt wurde.
Zum anderen lässt sich eine starke Auseinandersetzung mit der Figuration beobachten, die gerade im Osten Deutschlands nicht ohne eigene Standortbestimmung in Abgrenzung vom Sozialistischen Realismus als Staatskunst der DDR auskommt.
Bei Penck und Schleime ist diese Konfrontation Teil ihrer eigenen Geschichte, die mit Ausstellungs- und Berufsverbot, bis hin zur Übersiedelung in den Westen verbunden ist. Sie stellen mit ihren Arbeiten eine wichtige Referenz für die drei jüngeren Künstler der Ausstellung dar.
Dass biografische Wege heute auch in die andere Richtung gehen können, zeigt Marc Floßmann, der 1997 im wiedervereinten Deutschland aus dem Westen nach Dresden kam, und der für den besonderen Stellenwert einer genreübergreifenden, künstlerischen Arbeitsweise und einer experimentellen Auseinandersetzung mit bildhauerischen Materialien an der Hochschule für Bildende Künste Dresden heute steht.